Kampfsport vs. Selbsterhaltung

copyrights: muenchner-webdesigner.deKampfsport vs. Selbsterhaltung

Die heutigen Budodisziplinen teilen sich in die Gruppe der Kampfsportarten und Kampfkünste auf. Unter den Kampfsportlern offenbart sich immer deutlicher die Schwäche des Kampfgeistes. Sie verlassen sich meist ausschließlich auf ihre Graduierung oder die „Technik“.  Die meisten Budoka versuchen, ihre Kunst, wo es nur geht, zu verteidigen und in Schutz zu nehmen, dabei wird schnell vergessen, dass es oft nur der Zufall war, der sie zu ihrer Kunst führte. War es nicht eben die Kampfsportschule um die Ecke, die am nächsten war, oder der Freund, der sagte „schau dir das doch mal an“? Nachdem wir jedoch diese Kunst einige Zeit betrieben haben, steht sie über allen anderen. Wer verbissen an seiner Kunst festhält, versteht nicht, worum es geht. Tut er es, so sagt Miyamoto Musashi in seinem Buch der 5 Ringe: „…ist dies lediglich die Meinung eines Einzelnen. Im Lichte der Realität betrachtet hat das keine Zukunft.“

Tradition & Moderne

Kampfsportarten sind sportlich bzw. wettkampforientierte Sportarten, die in erster Linie die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit anstreben, wohingegen Kampfkünste Traditionen aufrechterhalten und sich von modernen Sportarten bewusst abgrenzen. Das Sparring, wie man das „Kämpfen“ in Kampfsport/-Kunstkreisen bezeichnet, wird je nach Art der Kunst unter Berücksichtigung bestimmter Regeln ausgetragen. Der Zeitpunkt des Kampfbeginns ist beiden Kontrahenten bekannt und beiden Seiten ist bewusst, dass nach jeder Niederlage im Ring in einer nächsten Auseinandersetzung ein Sieg folgen kann. Ziel der von beiden Seiten gewollten Auseinandersetzung sind Preise, Titel oder im Profibereich sogar Ruhm und Geld. Allgemein stehen jedoch mehr die Fitness und der Spaß an der Sache im Vordergrund. Der sportliche Ausgleich und soziale Kontakte zu Trainingspartnern sind dem kämpferischen Aspekt übergeordnet. Einstudierte Formen, partnerschaftliches Sparring und akrobatische Fähigkeiten herrschen in der Welt der Martial Arts vor. Diese Dinge waren einst Mittel zum Zweck und Hilfestellungen auf dem Weg zum Ziel, dem eigentlichen Erlenen des Kampfes. Heute sind sie jedoch zum Ziel selbst geworden – das eigentliche Ziel wurde aus den Augen verloren. Keine Kampfkunst trainiert heute die Konfrontation mit unkontrolliert angreifenden Gegnern, die entschlossen und voller Hass und Zorn um sich schlagen. Die meisten Kampfkünste betreiben das, was wir seit Jahren „Inzuchttraining“ nennen. Der Karateka trainiert gegen einen Karateka, der Thaiboxer gegen einen Thaiboxer und der WingTsun’ler gegen den WingTsun’ler.

Mit realistischer Selbstverteidigung wird bereits an jeder Straßenecke um Schüler geworben. Die meisten dieser Selbstverteidigungskünste haben schon viel durch ihr Unterrichtskonzept erreicht. Viele „sportliche Regeln“ sind weggefallen (wenn auch moralisch-ethische geblieben sind), das Training arbeitet nicht mehr auf einen sportlichen Wettkampf hin, sondern auf Notwehrsituationen. Hier stellt sich aber das Problem, dass meistens auch nur innerhalb eines Systems unterrichtet wird, d.h. im Taekwondo wird nur Taekwondo Selbstverteidigung (SV) betrieben, im Judo SV Training werden lediglich die Judotechniken der SV-Situation angepasst. Wenige Künste arbeiten hier situationsübergreifend oder einfach ausgedrückt „realistisch“.

99% aller Selbstverteidigungskünste setzen sich jedoch nur peripher mit echten Kampfsituationen auseinander. Ich möchte dem Leser genauer erklären, was gemeint ist. Ich durfte vor einiger Zeit einer sehr interessanten Gesprächsrunde beiwohnen, in der hochgraduierte Budoka anwesend waren. Ein 110kg schwerer Boxer mit fast 15 Jahren Kampferfahrung versuchte den Rest der Gruppe von der Überlegenheit seiner Kunst zu überzeugen. „Ich habe über die Jahrzehnte einen so festen Schlag entwickelt, und kenne niemanden der da stehen bleiben würde. Deshalb mache ich mir keine Sorgen um eine reale Auseinandersetzung. Ich bin vorbereitet.“ Die Anwesenden stimmten ihm zu und zeigten sich im Anbetracht seiner „leiblichen Präsenz“ eingeschüchtert. Die Gruppe war nicht in der Lage, die Botschaft vom Botschafter zu trennen. Ich meldete mich zu Wort und stellte dem „Boxkollegen“ einige Fragen:

  1. Kennst du das Vorgehen der Menschen, vor denen du dich schützen möchtest (Systematische Auseinandersetzung mit realer Gewaltkriminalität durch Videoanalysen, kriminologische Erkenntnisse etc.)?
  2. Wurdest du in operativen Aufmerksamkeitsstrategien zur systematischen Gewaltprävention geschult?
  3. Hast du eine Ausbildung im Bereich Fearmanagement / Arousal Control erfahren um trotz der physiologischen und psychologischen Effekte der Adrenalinreaktion in Extremsituationen deine Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten?
  4. Sind dir kommunikationspsychologische Deeskalationsstrategien bekannt, die unter Stress anwendbar sind?
  5. Bist du auf den Post-Fight vorbereitet und weißt wie du mit dem emotionalen Fallout, wie akuten Belastungsreaktionen, rechtlichen Konsequenzen durch Polizei und Staatsanwaltschaft und eventuellen akut-lebensbedrohlichen Verletzungen vor Ort umzugehen hast, wenn der Rettungswagen mit 10 Minuten Anfahrtszeit zu lange benötigt?
  6. Wie realistisch ist deine Ausgangssituation aus der heraus du trainierst (Duellkampf nach Regeln mit einem klaren Start und Ende durch eine Ringglocke vs. Szenariotraining mit Unsicherheitsfaktoren)?
  7. Schult dich deine Methode darin, deinen gesamten Körper als Waffe einzusetzen (Hände, Ellenbogen, Füße, Knie, Kopf, Zähne, Körpergewicht etc.)?
  8. Ist die Wirksamkeit deiner eingesetzten Techniken abhängig von Ausrüstung (Studien haben gezeigt, dass Profiboxer sich ohne Handschuhe, bei jedem zweiten Schlag im Ring die eigenen Handmittelknochen und Knöchel brechen würden…“Faust auf Knochen“ ist eben weit entfernt durchdachtem Vorgehen)?
  9. Wie sicher bist du im Einsatz und der Abwehr moderner Waffen (Reizgas, Messer, Schlagstöcke, Schusswaffen)?
  10. Hast du gelernt dich im Eventualfall auf dem Boden zu verteidigen, auch gegen bewaffnete Angreifer und zwar auf Asphalt?
  11. Wie sieht deine Strategie gegen mehrere Angreifer und fremdes Eingreifen aus ?
  12. Trainierst du Verteidigungsstrategien gegen artfremde Angriffe oder unterliegst du ebenfalls der Inzuchtproblematik und trainierst nur „Boxer gegen Boxer“ ?
  13. Ist dein Vorgehen durch Regeln oder Traditionen eingeschränkt ?
  14. Hast du einen Handlungsplan für Extremsituationen wie Raubüberfälle, Entführungen, Geiselnahmen, Amoklagen oder Bränden in öffentlichen Gebäuden?
  15. Weißt du, wie du eine unausgebildete Person (Freundin, Kind etc.) an deiner Seite schützen kannst?
  16. Gibt dir deine Handlungsstrategie auch eine konkrete, an die Situation angepasste Taktik vor, die dir sagt, was du im Falle eines Angriffs zu tun hast, oder sind deine Verteidigungshandlungen dem Zufall überlassen? („unkontrolliertes Prügeln“)

Als mir der Boxer 16 mal hintereinander mit einem „nein/ keine Ahnung / noch nie drüber nachgedacht“ antwortete, erlaubte ich mir die Fragte, wie er dann von einer überlegenen Kampfkunst sprechen kann bzw., was er denn überhaupt gelernt habe, außer sich selbst bei jedem seiner Schläge die Knochen zu brechen? Paul Vunak sprach auf einem Seminar über die Absurdität der heutigen Kampfsport-Wettkämpfe. Er sagte, die heutigen Wettkämpfe seien mit einer Schießerei zu vergleichen, bei der beide Seiten mit einer vollautomatischem MP5 Maschinenpistole aufeinander schießen und zum Schluss Partei A gewinnt, weil sie „nur“ 45 Treffer in den Oberkörper einstecken musste, Partei B dagegen 50 Treffer. Mit einer realen Auseinandersetzung hat das nichts zu tun. Der international bekannte Experte KellyMcCann (alias Jim Grover) brachte es auf den Punkt: „Der Unterschied zwischen Kampfsport und dem Nahkampf [gemeint: Selbsterhaltung] ist, dass man Kampfsport mit einem Partner betreibt, mit anderen Worten, es findet ein abwechselnder Austausch von Angriff und Abwehr statt ganz nach dem Prinzip: Wenn A dies und jenes tut, reagiert B so und so, wohingegen der Nahkampf gegen einen Feind eingesetzt wird. Mit anderen Worten: Ich kralle mir diesen Sack Kartoffeln und schlage drauf!“

[Originaltext:“ the difference between martial arts and combatives, is that martial art is something that you do with someone, in other words there is this reciprocal exchange of movement going on where he does this and I react by doing that, whereas combatives are something that you do to someone or on someone. In other words I am going to take this sack of potatoes and just beat on it!“]

In der Selbsterhaltung wird der Kampf trainiert (von lat. Campus – das Schlachtfeld). Wir spielen nicht mit einem Partner sondern bekämpfen einen Gegner. Fairness weicht der kompromisslosen Kaltblütigkeit. Hier spielen Techniken, Ränge oder Auszeichnungen keine Rolle. Auch hier finden wir in Shinmen Musashis Buch der 5 Ringe eine Antwort: „In meiner Schwertkunst geht es darum, […] dass er das Prinzip von Leben und Tod begreift, dass er um das Grundwesen des Schwertes weiß, dass er beurteilen kann, ob der angreifende Gegner ein starkes oder ein schwaches Schwert führt […] Demgegenüber sind jene Fingerfertigkeiten unerheblich. Vor allem in der Schlacht […] ist nicht zu erwarten, dass Kleintechniken von Nutzen sind.“ Auch die härtesten Kampfsportarten wie zum Beispiel Vale Tudo, No hold barred (NHB), Mixed Martial Arts (MMA) etc. bleiben Sportarten. Auch hier gibt es Regeln. Im Gegensatz zu einem realen Kampf gibt es keine Vorkampfphasen (Aufmerksamkeitsphase, Kommunikationsphase etc.), es gibt keine Überraschungsangriffe aus dem Hinterhalt, keine unerwartet eingesetzten Waffen, keinen Kampf gegen mehrere Gegner, keine schlechten Umweltbedingungen (Dunkelheit, nasser Untergrund, Kälte), es wird nicht in Alltagsklamotten gekämpft. Ebenso gibt es keine Auseinandersetzung nach dem Kampf wie zum Beispiel eine Festnahme durch die Polizei, eine Strafanzeige mit anschließendem Gerichtsprozess. Im Ring gibt es einen Gewinner und einen Verlierer, in der Realität immer nur zwei Verlierer.

Es ist also verständlich, dass die Vorbereitung auf alle möglichen Situationen vor, während und nach der eigentlichen Kampfhandlung einen extrem großen Stellenwert einnimmt (Pre-Fight / Fight / Post-Fight).

Schon im Ehrenkodex der Samurai (Hagakure) finden wir diese Art des Denkens:
„Sei auf jede Situation vorbereitet…Militärische Taktik und Strategie werden von fähigen und unfähigen Männern bestimmt…Erstere sind Männer, die auf jede Situation vorbereitet sind. Dagegen beschäftigen sich die anderen nicht schon im Voraus mit den Möglichkeiten. Wenn sie mal ein Problem lösen, ist das nichts als ein glücklicher Zufall […] Durch das Üben des Bushido (Weg des Kriegers) sollte man Tag und Nacht auf alles vorbereitet sein, sich des stets unsicheren Lebens bewusst und darüber nachdenkend, welche Handlung in welcher Form im entscheidenden Moment angebracht ist.“

In den Worten des Altmeisters Sunzi:

„Es gewinnt der, der vorbereitet darauf wartet, den unvorbereiteten Feind anzugehen.“

Das System of self-preservation® bereitet mit seiner Strategie auf all diese Phasen vor und das systematisch nach einem transparenten und strukturierten Lehrplan.

Alexander Bankovski